Brasilien: Blinde Menschen, ein Verkehrschaos und eine Schule für Alle

Blinde Fußballer kickten in diesem südamerikanischen Land weltweit zuerst leidenschaftlich den Rasselfußball und locken seitdem tausende Menschen ins Stadion. Im größten Land Südamerikas besuchen drei von vier Schüler_innen mit Beeinträchtigungen eine Schule für Alle statt eine Sonderschule. Aber Brasilien ist zugleich auch das Land, in dem viele Lehrer_innen behinderte Schüler_innen im Unterricht stark sich selbst überlassen und in dem laut Schulzensus 2012 noch 140.000 Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 18 Jahren mit Beeinträchtigungen gar nicht in Krippe, Kindergarten oder Schule gehen. Vor allem im von Armut stark geprägten Nordosten Brasiliens ist dies so. Dort, im Bundesstaat Ceará, liegt Sobral. Die 200.000 Einwohner_innen zählende Großstadt umfasst auch viele ländliche Ortsteile und zieht darüber hinaus Menschen aus der weiteren Region an, die sich dort medizinisch behandeln lassen oder studieren.

An einem Tisch sitzen zwei blinde Kinder: ein Mädchen und ein Junge. Sie tragen Schulkleidung. Anja Pfaffenzeller unterrichtet sie. Hinten an der Wand stehen verschiedene Unterrichtsmaterialien im Regal.

Ein Mädchen und ein Junge bei Anja Pfaffenzeller im Unterricht © Bats in Action

Und es kommen blinde Kinder und Jugendliche nach und aus Sobral in einen kleinen Klassenraum in einem Kindergarten mitten in der Stadt. Der winzige Raum ist der Mittelpunkt eines von Anja Pfaffenzeller initiierten Schulprojekts. Die Deutsche ist selbst blind und absolvierte ein Lehramtsstudium und eine zusätzliche Ausbildung am „Kanthari – International Institute for Social Entrepreneurs and Innovators“. Seit ihrer Jugend war sie selbst zunächst auf Reisen, dann beruflich im Ausland aktiv.

Dabei erkannte sie, wie stark blinde Menschen in Brasilien von Bildung ausgeschlossen werden und entschied, sich in diesem südamerikanischen Land zu engagieren. Sie startete das Projekt „Bats in Action“ in Sobral. Den Projektnamen wählte Anja Pfaffenzeller, weil Fledermäuse blind und mit außergewöhnlichen Fähigkeiten des Gehörs, um sich zu orientieren und zu fliegen ausgestattet sind, sodass sie ihren Weg sehr gut meistern. Das wünscht sie sich auch für ihre Schüler_innen. Sie sollen die Chance bekommen, das zu nutzen, was in ihnen steckt und nicht nur als „Fledermäuse“ in „Höhlen“ wie zu Hause vor dem Fernseher herumhängen.

Blinde Kinder steigen enge Treppe zur Wohnung von Anja Pfaffenzeller hinauf. Bei ihr bereiten sie gemeinsam eine warme Mahlzeit. Auch ein Teil des Unterrichts findet dort statt.

Blinde Kinder auf dem Weg in die Wohnung von Anja Pfaffenzeller @ Bats in Action

15 Schüler_innen sind derzeit im Projekt in Sobral, ab März 2015 kommen weitere dazu. Die meisten Teilnehmer_innen von ihnen kommen aus der Stadt selbst oder aus der näheren Umgebung Sobrals. Die Kinder besuchen eine reguläre Schule und erhalten im Projektraum nachmittags ein- bis dreimal wöchentlich Zusatzunterricht. Drei Kinder, die weiter entfernt zu Hause sind, wohnen die Woche über in Sobral bei Anja Pfaffenzeller und einer freiwilligen Helferin. Nach etwa drei Jahren werden sie in ihre Heimatschulen zurückkehren.

Das Alter der Projektteilnehmer_innen liegt zwischen  zwei Jahren und dem Erwachsenenalter, wobei die meisten Schüler_innen Kinder sind. Den Raum, die halbe Stelle einer zusätzlichen Lehrerin und den Schulbus innerhalb Sobrals bezahlt die Stadtverwaltung. Geld- und Sachspenden – wie Blindenstöcken und einer Brailleschreibmaschine – aus Deutschland tragen dazu bei, das Projekt zu unterhalten. Die Arbeit leisten viele Freiwillige. Manchmal bekommen Kinder und Mitarbeitende des Projekts von Einheimischen Essen.

Ausgestattet mit Brailleschreibmaschine und -büchern, einem Computer mit Sprachausgabe und digitalen Lehrmitteln sowie selbst angefertigten Lernspielen und Arbeitsmaterialien, lernen die Schüler_innen dort Arbeitstechniken für Lesen und Schreiben, Mathematik, Geografie und andere Fächer kennen. Im praktischen Unterricht erkunden sie den Ort mit dem Blindenstock. Anja Pfaffenzeller beschreibt ihre Erfahrungen, die Projektteilnehmer_innen in Mobilität zu schulen:

„Manchmal werfe ich ängstliche Schüler ins kalte Wasser und schicke sie alleine los. Zwar ist der erste Schritt schwierig, aber die Freude darüber, das erste Mal allein Bus gefahren zu sein, ist dann umso größer.“

Um ihnen trotz des nur sehr kleinen Raums auch lebenspraktische Tätigkeiten wie selbstständiges Essen und Kochen beibringen zu können, lädt sie ihre Schüler_innen dazu in ihre Wohnung ein.

Bei allem unterstützen sich die Teilnehmer_innen gegenseitig, wie Anja Pfaffenzeller berichtet:

„Die Jüngste mit sechs Jahren kann schon etwas Blindenschrift und sich sehr gut orientieren. Sie ist vielen Erwachsenen ein Vorbild. Eine Frau hat schon Erfahrung in der Küche und hilft ihren Kollegen, Hausarbeiten zu bewältigen. Ein anderer Schüler hat bereits Computerkenntnisse und gibt sein Wissen gern an andere Teilnehmer_innen weiter.“

Eine Gruppe von blinden Kindern steht mit Anja Pfaffenzeller nahe des Schulgebäudes im Freien. Sie unterhalten sich.

Anja Pfaffenzeller mit Schülerinnen im Gespräch © Bats in Action

Meistens lernen die Schüler_innen erst im Projekt andere blinde Menschen kennen, mit denen sie sich austauschen und gegenseitig stärken können. Viele Menschen, die blind sind, verbringen ihr Leben in Brasilien nur zu Hause, und wenn sie tatsächlich das Haus verlassen, dann begleitet von Angehörigen. Man traut ihnen nichts zu. Man versorgt sie in der Familie und gibt ihnen keine Chance, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Schulen mit Fachkräften, die sich in der Förderung blinder Kinder auskennen, sind im ländlich geprägten Landesteil oft unerreichbar. So besuchen Kinder oft keine Schule oder lernen dort weder Brailleschrift noch selbstständig zu werden.

Blind zu sein, bedeutet im fünftgrößten Land der Welt sehr oft noch, passiv zu sein. Familien halten oft sehr daran fest, dass dies so sein muss. Bekommen blinde Menschen die Chance, selbst aktiv zu werden, verändert dies ihr Leben. Und das ihrer Mitmenschen. Anja Pfaffenzeller beschreibt, was sie in Sobral und Ubajara, einem neu hinzugekommenen Ort von „Bats in Action“, beobachtet:

„In Sobral war es bisher undenkbar, dass Blinde allein auf die Straße gehen. Oft begegnen uns Menschen mit Mitleid, andere bleiben wie angewurzelt vor uns stehen, sodass wir ihnen umständlich aus dem Weg gehen müssen. Man hört oft Menschen flüstern: „Die Armen sind blind. Warum gehen sie alleine ‚raus?“

Selbstständig mobil zu sein, das bedeutet ein Stück Freiheit. Viele blinde Kinder und Erwachsene kommen in Brasilien nicht aus dem Haus. Anja Pfaffenzeller zeigt ihnen,wie sie die Umgebung zu Fuß und per Bus erkunden können.

Gemeinsam im Bus unterwegs © Bats in Action

Einmal waren wir mit sechs Schülern in der Stadt unterwegs. Nachher wurde mir erzählt, dass wir fast ein Verkehrschaos verursacht hätten, weil alle stehen geblieben sind, um uns zu beobachten.

Mit der Zeit gewöhnen sich die Menschen daran: Wir sind in Sobral schon in der Stadt bekannt, und in Ubajara kennen sie nun den Anblick von uns mit Blindenstöcken auf der Straße.

Kinder rennen und spielen, stecken ihre Blindenstöcke in jedes Loch und stellen unzählige Fragen, um die Welt um sie her zu verstehen. Erwachsene erkennen, dass sie selbst über ihr Leben bestimmen können. Sie vergrößern ihren Bewegungsradius, gehen zum ersten Mal selbstständig aus dem Haus, kaufen alleine ein und viele von ihnen haben erst als Erwachsene die Möglichkeit, das Lesen und Schreiben zu erlernen.“

Immer mehr Menschen aus der Umgebung von Sobral berichten Anja Pfaffenzeller, dass

Anja Pfaffenzeller und eine Freundin und Projektmitarbeiterin kommen eine schmale Straße mit Kopfsteinpflaster entlang. Die Straße ist sehr wellig und kaputt. Die beiden Frauen haben einander untergehakt. Eine Frau hat einen Blindenstock. Beide tragen T-Shirts, auf die Wörter in Blindenschrift gedruckt sind. Eine weitere Frau ist auf der Straße unterwegs. An den Straßenrändern sind ein- und zweigeschossige schlichte Häuser in verschiedenen Farben.

Unterwegs auf dem Land, um Kontakt zu blinden Menschen zu suchen © Bats in Action

„in ihrem Ort jemand lebt, der blind ist oder sie einen blinden Verwandten haben. Andere nehmen Kontakt auf, weil sie von unserer Arbeit gehört haben. Hin und wieder gebe ich auch Interviews im Radio.“

Zwei Arbeiter ziehen die Mauern für den Bau der vorbereitenden Schule in Ubajara hoch. Mit Schubkarre und Schaufel arbeiten sie in der Hitze.

Arbeiter errichten eine vorbereitende Schule in Ubajara © Bats in Action

Von Anfang an fuhr Anja Pfaffenzeller auch selbst immer wieder in entlegene Orte und erkundigte sich, ob dort blinde Menschen leben. In der hundert Kilometer von Sobral entfernten Kleinstadt Ubajara interessieren sich die Einwohner_innen sehr für ihre Arbeit. Dort entsteht jetzt eine neue vorbereitende Schule.

Dazu wird ein kleines Haus mit zwei Räumen und einer Küche gerade um-, zwei weitere Zimmer angebaut. Finanziert wird es über Spenden. Auch hier sollen Schüler_innen nachmittags Zusatzunterricht erhalten zu dem Besuch ihrer regulären Schule oder bei weiten Wegen die Woche über im Haus wohnen können. Auf der Internetseite des Projekts beschreibt Anja Pfaffenzeller, was sie neben schulischen Fähigkeiten unterstützen möchte:

„As many children come from rural environments, they are able to learn skills they will need in the futue when returning to their own communities.“

Für blinde Erwachsene oder Eltern mit kleinen blinden Kindern sind Wochenendkurse geplant.

Damit blinde Schüler_innen den Unterricht an ihren Heimatschulen meistern können,

„müssen sie ihre Arbeitstechniken kennen und nutzen können. Außerdem brauchen sie Selbstvertrauen, soziale Kompetenz sowie Problemlösestrategien, um mit Lehrern und Schülern zurechtzukommen. Sie müssen in der Lage sein, einem neuen Lehrer zu erklären, wie sie lernen können und bei ihren Mitschülern bei Bedarf Hilfe einfordern, bestenfalls als Tausch für Hilfe in einem anderen Bereich.“

Wie dagegen blinde Kinder in deutschen Regelschulen unterstützt werden, findet Anja Pfaffenzeller kritisch:

„Schulhelfer_innen führen leicht zu einer Sonderbehandlung der blinden Schüler und erschweren die Entwicklung der Selbstständigkeit. Problematisch ist außerdem das Fehlen verpflichtender Inhalte wie Orientierung und Mobilität.“

Denn bei allem hat sie einen Wunsch, wie sie auf der Projekt-Internetseite schreibt:

„I want to see blind people flying high to reach their goals.“

Kommentar

Mit „Bats in Action“ hat Anja Pfaffenzeller ein Projekt ins Leben gerufen, das blinde Menschen in Brasilien aus ihrer Passivität herausholt. Gemeinsam mit einer Lehrerin und ehrenamtlichen Helfer_innen bringt sie ihnen nicht nur Arbeitstechniken für schulisches Lernen bei, sondern ermöglicht ihnen erste Schritte, um in der Gesellschaft aktiv zu sein: Bus zu fahren, einkaufen zu gehen und in ihren Schulen zu vertreten, was sie zum Lernen brauchen.

In einem Land, in dem blinde Menschen noch oft versteckt werden und ihnen nichts zugetraut wird, bringt sie damit die Abläufe nicht nur im Straßenverkehr durcheinander: Die Einwohner_innen von Sobral und Ubajara nehmen wahr, dass blinde Menschen in den Orten leben und mobil sein können und gewöhnen sich daran.

Die meisten Kinder nehmen am Projekt „Bats in Action“ an ein bis drei Nachmittagen in der Woche teil. Sie finden dort Unterstützung, können aber gemeinsam mit sehenden Kindern aus der Nachbarschaft die Schule für Alle besuchen, mit ihnen lernen und spielen. Gleichzeitig haben sie durch das Projekt die Möglichkeit, sich mit anderen blinden Kindern über ihre Erfahrungen auszutauschen.

Mit ihren fünf Jahren erkundet dieses Mädchen die Arbeitsutensilien in diesem Raum beim Tag der offenen Tür. In diesem Zimmer finden Vorschule und Schule statt.

Tag der offenen Tür: Ein Mädchen zum ersten Mal im Schulraum. © Bats in Action

Natürlich ist es gut, wenn Schüler_innen lernen dafür einzutreten, was sie brauchen. Doch es kann nicht Aufgabe der Kinder sein, dies in den Schulen zu erkämpfen. Hier ist gefragt, dass Bildungseinrichtungen selbst aktiv werden, um den Unterricht für blinde Kinder so zu gestalten, dass sie gut daran gemeinsam mit ihren Mitschüler_innen teilhaben können. Anderenfalls entlässt man die Gesellschaft aus ihrer Verantwortung, Kindern mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten gerecht zu werden.

Dazu könnten Lehrer_innen und andere pädagogische Fachkräfte geschult werden, die in den Schulen vor Ort als Multiplikator_innen andere Kolleg_innen, aber auch Eltern beraten und blinde Kinder dabei unterstützen, Brailleschrift und Arbeitstechniken zu erlernen sowie sich mit dem Blindenstock zu orientieren und mobil zu sein. Blinde Kinder und Jugendliche könnten dann in den Schulen ihrer Heimatorte lernen und das Anliegen, sie in der Gesellschaft teilhaben und ihre Ziele verwirklichen zu lassen, erreicht noch viel mehr von ihnen. Inklusion bedeutet eine Schule für Alle, in der alle etwas beitragen: Blinde und sehende Schüler_innen und Lehrer_innen.

 

Zusätzliche Informationen

Mehr Informationen zum Projekt „Bats in Action“ von Anja Pfaffenzeller: same-but-different.net

Anja Pfaffenzeller lernte ich im Dezember 2014 kennen, als sie in der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig über ihre Arbeit in Brasilien berichtete.

Habt ihr Fragen oder Anregungen hierzu oder wollt etwas dazu sagen? Dann schreibt doch gern einen Kommentar zu diesem Artikel.

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